Muskelkater

Vor einigen Wochen habe ich gekündigt und damit fast 20 Jahre Berufsleben beendet. Ein gleichsam tolles wie auch seltsames Gefühl.

Über viele Jahre habe ich mich über meinen Beruf definiert. Die Arbeit hatte Vorrang vor fast allem. Und das wohl auch deshalb, weil ich es so gelernt habe. Mein Vater sagte immer, dass ihm der Beruf das Wichtigste sei und ich habe das ein Stück weit so übernommen – wie viele andere Menschen auch.

Obgleich uns der Beruf und das damit verbundene Einkommen vieles ermöglicht denke ich da mittlerweile trotzdem ein wenig anders.

Es mag hier Ausnahmen geben, aber den Beruf in den Mittelpunkt des Lebens zu stellen ist wie fanatisch einem Superstar hinter zu laufen und häufig mehr Projektion als Realität.

Selbstverständlich kann eine berufliche Tätigkeit einem das Gefühl von Zugehörigkeit, Bedeutung und dergleichen geben, aber in der retrospektive denke ich, dass diese Gefühle, wenn sie denn einmal da waren, nur bedingt echt sind und waren.

Gerade jetzt in meinen letzten Tagen (ich habe noch 2 Wochen bis zu meinem letzten Arbeitstag) entpuppt sich vieles was ich für wertvoll und echt hielt als leer Hülse. So ein bisschen wie Las Vegas. Alles blitzt und blinkt und schreit nach Aufmerksamkeit, aber wenig ist echt.

Auch hier gibt es natürlich Ausnahmen für die ich dankbar bin, aber im wesentlich ist es so. Ich denke auch, dass das nichts ungewöhnliches ist, aber aus meiner Sicht dennoch bemerkenswert.

Es scheint mir im Moment auch total seltsam all dem so viele Jahre so viel Bedeutung und Raum gegeben zu haben. Klar, ermöglicht uns das Geleistete nun eben auch besagte Pause, aber das hätte auch mit etwas mehr Abstand (noch besser) funktioniert.

Ein Stück ist dieser Eindruck auch der Tatsache geschuldet, dass ich ein sehr positiver Mensch bin und erst einmal alle „toll“ finde. Das ist einfach meine Natur und ich will (und kann) das auch wahrscheinlich nicht ändern. Ich habe dadurch vielleicht so manche Enttäuschung erlebt, aber eben auch sehr viele Begegnungen und Erlebnisse gehabt, die mit mehr Misstrauen und Vorsicht schlicht nicht stattgefunden hätten.

Mein Frau ist an dieser Stelle deutlich klüger und „warnt“ mich regelmäßig davor zu vertrauensselig zu sein und sie hat zu nahezu 100% Recht. Doch es hilft nicht; ich laufe dann doch lieber mit Anlauf und geschwellter Brust gegen den Poller. So ist es einfach.

Wir planen nun eine längere Pause auf die wir uns unheimlich freuen, obgleich mir das nach wie vor sehr unwirklich vorkommt, da ich mit einem Bein immer noch im beruflichen Räderwerk hänge.

Diese Zeit nach Kündigung und vor Pause fühlt sich an wie Muskelkater. 

Wenn man richtig heftig trainiert und die Anstrengung hinter sich hat fühlt man sich erst einmal super und freut sich, dass man sich so geschunden hat und dass es geschafft ist. Einen Tag später setzt dann meist der Muskelkater ein, der am zweiten Tag nach dem Training häufig noch schlimmer ist und erst langsam abklingt. Genauso fühlt sich die Zeit gerade an.

Es gibt eine große Erleichterung und Freude, dass es ausgesprochen und bald vorbei ist. Auf der anderen Seite ist da besagter „emotionaler Muskelkater“, der einen an die zuvor geleisteten Anstrengung erinnert.

Bei mir äußert sich das vor allen Dingen in Gedanken und Gefühlen, die gelegentlich hoch schwappen – wie ein Ziehen im Muskel bei einer bestimmten Bewegung.

Was kommt da jetzt?
Wie wird sich das alles anfühlen?
Ist das alle richtig so?
Was mache ich ohne Beruf?

Und viele andere kleine gedankliche und emotionale Blitze. Und so fühle ich mich gleichsam frei und erlöst, aber eben auch neugierig und ein wenig unsicher, ob dessen was da kommen mag.

Das ist auch ein bisschen wie das Laufen über einen Grat in großer Höhe. Tolle Aussicht, aber rechts und links kein sichtbarer Halt…

Über diese Zeit und die damit verbundenen Gedanken und Erlebnisse werden wir hier berichten…

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