Nachdem sich am Bodensee unsere Reisegruppe ja wieder verkleintert hat, ging es dann weiter Richtung Südtirol zum Toblacher See. Um die Ecke, in Innichen, hatten Freunde aus Köln eine Alm bezogen und wir hatten somit Gelegenheit ein wenig Zeit miteinander zu verbringen. Hervorragend!
Die Gegend dort, das Pustertal, ist auch so eine wundervolle Gegend. Berge, Seen, Rad fahren, wandern, lecker essen. Und wir haben all das auch reichlich genossen.
Eine echte Katastrophe
Doch das wirklich bemerkenswerte war, daß wir eines abends auf der Alm bei unseren Freunden saßen und gemeinsam zu Abend gegessen haben, als sich plötzlich ein richtiges Unwetter samt Gewitter zusammen braute.
Das ist in den Bergen erste einmal nichts ungewöhnlich und häufig gehen diese Unwetter so schnell wie sie gekommen sind. Auch die Wirtin sagte, daß das in 10 Minuten sicher vorbei sei. Und wir fingen an unsere Witze zu machen, als das Ganze auch nach 2 Stunden kein Ende zu mehmen schien.
Gewitter und Wasser ohne Ende.
Irgendwann mußten wir aber dann doch wieder zurück auf unseren Campingplatz und als wir nur noch wenige Kilometer hatten kam die Überraschung: Straße zum Campingplatz in Richtung Cortina komplett gesperrt!
Was???
Der Grund: massive Gesteinslawinen (sogenannte Muren) sind abgegangen.
Als Flachlandtiroler aus Köln ist einem erst mal nicht sofort klar was das bedeutet und wir haben mit einem Einheimischen dann erörtert wie wir doch noch auf den Campingplatz kommen könnten und er schlug vor, daß wir über den Radweg (geschotterte, recht breite Piste) fahren. Da unser Junior am Abend auch noch krank zu werden schien, dachten wir: „Es nützt nichts, wir müssen zum Wohnwagen!“
Und ab über den Radweg. Und das war schon ausgesprochen unheimlich. Es regnete und donnerte immer noch und es war einfach sackenduster. Als wir schließlich durch den Wald auf der Höhe des Sees ankamen, konnte man schon ein wenig mehr erahnen was hier los war. Dort stand der Zivilschutz mit zwei Fahrzeugen als wir mit unserem Auto aus dem Wald kamen. Alles war überschwemmt und vor uns nur noch Wasser. Wir mit Kindern im Auto.
Schließlich gab es erst einmal einen gepflegten „Anschiß“ des Herren von der Behörde. Ich erklärte unsere Situation und er sagte, wir könnten ja aussteigen und auf eigene Gefahr durch das Wasser waten. Das Auto könne ich hier stehen lassen, ob es morgen noch da sei, könne er allerdings auf Grund der andauernden Regenfälle nicht garantieren.
Wie bitte???
Schließlich sagte er, daß sie durchs Wasser fahren würden, weil sie zum Campingplatz müssten. Da er nur die Scheinwerfer unseres Autos sah, sagte ich ihm, daß wir auch einen Geländewagen hätten und ob das ginge? Er sagte, ich könne ihm auf eigene Gefahr hinterher fahren.
Was tun???
Wieder zurück durch den Wald und versuchen – trotz Hochsaison und nix dabei – noch ein Zimmer zu finden? Oder durchs Wasser in unseren Wohnwagen wo wir alles haben was wir brauchen?
Nachdem die beiden Autos des Zivilschutzes sicher durch das Wasser gefahren waren, entschieden wir uns auch für den Weg durchs Wasser. Ich weiß nicht wie tief es wirklich war, aber ich hatte unheimliche Angst, daß uns das Auto ausgeht und wir mitten im Wasser stehen bleiben. Das Wasser schwappte auch zeitweilig über die Motorhaube und wir haben durch die Strömung auch unser Nummernschild verloren, doch wir haben es schließlich zum Campingplatz geschafft und fühlten uns erst einmal in Sicherheit.
Mein Herz hat eine halbe Stunde danach noch laut geschlagen und ich bin mir im Nachhinein nicht sicher, ob es nicht besser gewesen wäre zurück zu fahren. Doch das wahre Ausmaß der Katastrophe wurde uns erst am nächsten Tag bewußt als wir hörten – und sahen – was das Gewitter und der Regen angerichtet haben:
Rechts und links von unserem Campingplatz konnte man heftige Murenabgänge sehen, die sogar bis in den See liefen. Wo am Tag zuvor noch ein Strand war, war am nächsten Tag nur noch meterhoher Schutt und Schlamm. Wir konnten den Campingplatz auch nicht verlassen, da die Straßen nicht ansatzweise frei waren.
Auch am nächsten Tag wollte es nach zunächst trockenem Vormittag nicht aufhören zu regnen und zu donnern. Wir fühlten uns zeitweise in unserem Wohnwagen wie gefangen. Rechts und links Murenabgänge, vor uns der überschwemmte See und hinter uns ein vollgelaufenes Murenbecken. Wir hatten wirklich Angst! Auch, weil der Regen im Wohnwagen unheimlich laut ist und der Donner zwischen den Bergen dumpf hin und her geworfen wird.
Irgendwann konnten wir es dann auch nicht mehr aushalten und sind am frühen Abend mit einem Rucksack und den wichtigsten Sachen wie Windeln und Personalausweise zum Campingplatz Shop, haben uns eine Flasche Wein gekauft und uns mit den anderen Campern, denen es genauso ging, vor die Rezeption gesetzt und Wein getrunken. Der Schutz des Gebäudes, draußen sein mit anderen, hat sich einfach gut angefühlt. Auch das Campingplatz-Management hat hier einen super Job gemacht und stetig informiert, was ebenfalls geholfen hat.
Da hier auch zeitweise von Evakuierung die Rede war, waren wir dann froh, daß sich die Situation gegen Abend etwas stabilisierte und die Behörden für den Campingplatz erst einmal Entwarnung gaben.
Am zweiten Tag nach dem Unwetter hatten wir den schönsten Sonnenschein!
Da kriegst Du erst richtig eine auf die Fresse und wirst danach herzlich angelacht. Das war einfach krass.
Wir haben dann das beste daraus gemacht und den sonnigen Tag genossen und sogar noch einmal zwei Tage dran gehangen, weil die Wettervorhersage einfach toll war.
Und so machten wir noch eine schöne Bergtour, obgleich die Möglichkeiten arg limitiert waren – auch das wurde uns dann auch später erst klar: Radwege waren verschüttet, der Weg nach Cortina und somit zu den drei Zinnen würde noch für Tage wenn nicht Wochen unbefahrbar bleiben. Im Nachbarort gab es wohl sogar 2 Tote. Unglaublich.
Von dergleichen zu lesen ist das eine, aber mittendrin zu sein war eine sehr spezielle Erfahrung.
Wir haben uns schließlich nachdem das Wetter wieder etwas schlechter zu werden drohte in Richtung Deutschland aufgemacht, um die Schwiegereltern zu besuchen.
Das war dann auch gleichzeitig die letzte Station auf unserer Reise mit dem Wohnwagen und es ging schließlich wieder zurück nach Köln – nach über 10.000km mit unserem „Richie“.
*Schnief!*